Eine unglückliche Tulpe

Wer hätte das gedacht?

Sie hat sich nie beklagt, erfreute sich bester Gesundheit, ihre Zwiebel trieb schon das siebente Jahr Blüte im Fenster des pensionierten Lehrerehepaars. Sie stand gerade in voller Blüte, hatte am Abend zuvor noch gründlich ihre Griffel bestäubt und schlief friedlich die Nacht durch. Und morgens um fünf- Blumen sind Frühaufsteher- stürzte sie sich aus dem vierten Stock auf die Straße.

Die Polizei ging zunächst von der Vermutung aus, jemand hätte sie in mörderischer Absicht hinuntergestoßen. Sie verhörten den Lehrer und seine Frau, die den Vorwurf abstritten. Im Gegenteil, sagten sie, sie hätten ihre Blume umhegt, geliebt und beweinten sie bitterlich. Der Oberstleutnant, der unter ihnen wohnt, bekräftigte ihre Aussage. Nach einigen Tagen stellte man die Ermittlungen ein.

Die selbstmörderische Tulpe war von purpurroter Farbe und verschlossenem Charakter, laut der Anwohner lebte sie nur für sich, Enttäuschungen, Erschütterungen konnten ihr also kaum widerfahren.Warum wollte sie sich also das Leben nehmen?

Darauf bekam man erst eine Woche später Antwort, als die Frau des Oberstleutnants beim Großreinemachen ihren Abschiedsbrief auf dem Balkon fand. Sie trug ihn in den vierten Stock hinauf, wo der Lehrer die mit wackeligen Buchstaben geschriebenen Zeilen vorlas.

»Wenn Sie diesen Brief lesen, werde ich nicht mehr unter den Lebenden sein. Herr Lehrer, liebe Tante Irma, verzeihen Sie mir. Ich habe keine andere Wahl. Ich will keine Tulpe mehr sein.«

»Aber was wollte die Ärmste denn sonst sein?« fragte Tante Irma. »Das schreibt sie nicht«, sagte der pensionierte Lehrer. »Eine Tulpe!« Tante Ima schüttelte den Kopf. »So was hab ich ja noch nie gehört.«